Das Leben ist wie eine Reise

Die Verbindungen untereinander bestehen nur für einen gewissen Zeitraum, um das Geben und Nehmen abzuwickeln – wie wenn ihr im Zug fahrt. Wenn eure Bahnstation kommt, steigt ihr aus. Andere mögen euch mitziehen wollen, aber ihr bleibt nicht im Zug sitzen, oder? Genauso ist es, wenn Geben und Nehmen beendet sind; dann muss der Mensch gehen, auch wenn alle anderen möchten, dass ihr bleiben könntet, ob sie weinen oder auch nicht – ihr könnt nicht länger bleiben.

Sant Kirpal Singh

Aus einem Vortrag von Sant Kirpal Singh, Fairfax, 25.9.1972:

„Aller Glanz und alle Schönheit liegen in dir; warum, o Mensch, gehst du in die Irre?” Im Koran heißt es: “Ich bin in dir verborgen, warum suchst du mich nicht?” Und wir ziehen los und wollen Ihn (Gott) im Äußeren finden. Wer aber zu einem Heiligen kommt, erhält den Rat, sich von außen zurückzuziehen und nach innen zu gehen. Er sagt: “Wenn du nach innen gehen und dich über das Körperbewusstsein erheben kannst, wirst du Erfahrungen machen, wie sie in den heiligen Schriften niedergelegt sind.” Was enthalten die Schriften? Das, was die Meister sahen. Was sie gesehen hatten, legten sie darin nieder, zum Wohl der in den Kinderschuhen steckenden Menschheit.

Warum finden wir das Licht in uns nicht? Weil unsere Liebe auf die Welt draußen gerichtet ist. Unsere Aufmerksamkeit ist der Ausdruck unserer Seele, und das Wesen der Seele ist Liebe. Ihr müsst die Aufmerksamkeit nach innen lenken. Wenn eure ganze Aufmerksamkeit nach innen gerichtet ist, werdet ihr dort die Liebe finden.

Alle Meister sprechen von der Liebe. Seht, schließlich müssen wir alle den Körper verlassen. Alle Heiligen, alle Inkarnationen (Avatare), alle Philosophen und bedeutenden Persönlichkeiten hatten einen menschlichen Körper und mussten ihn wieder verlassen. Und wie ist es mit euch? Auch ihr müsst eines Tages gehen. Ich denke nicht, dass es für euch eine besondere Vereinbarung gibt, dass ihr bleiben könnt. Wir müssen also den Körper verlassen – er ist unser erster Begleiter, wenn wir die Welt betreten, aber wenn wir sie verlassen, begleitet er uns nicht.

Was soll man also tun? Das alles heißt nicht, dass ihr nichts für den Körper tun sollt oder dem nicht nachkommen sollt, was ihr euren Familienangehörigen schuldet, mit denen Gott euch verbunden hat. Es bedeutet nur, dass das nicht das Ende aller Dinge ist. Schließlich müssen wir einmal gehen. Ihr wisst, im menschlichen Körper sind wir innerhalb gewisser Grenzen gebunden und in einem gewissen Ausmaß frei. Wir müssen alle Schulden denen gegenüber begleichen, mit denen wir durch die Rückwirkungen der Vergangenheit verbunden sind. Wenn diese Schulden ausgeglichen sind, müssen wir gehen. Die eine Seele kommt als euer Sohn in die Welt, die andere als eure Schwester, die eine ist als Tochter mit euch verbunden, die andere als eure Ehefrau; es ist ein Geben und Nehmen, und wenn das beendet ist, haben wir zu gehen. Nehmt als Beispiel einen Zug: Von den verschiedenen Bahnstationen kommen viele Menschen darin zusammen; wenn der Zug hält, steigen einige aus und andere steigen ein. Wenn ihr nun mit den Mitreisenden Bekanntschaft schließt, wird diese lange dauern? Nein. Für die entsprechende Zeit, in der sie mit euch zusammen sind und ihr liebenswürdig und nett mit ihnen sprecht, werdet ihr ein freundschaftliches Verhältnis haben, und die wenigen Stunden der Reise werden angenehm vorübergehen. Was aber ist, wenn ihr streitet?

Wir müssen also den Körper verlassen; doch was tun wir? „Wie du säst, so wirst du ernten.“ Wir hängen uns an die äußeren Dinge und häufen sie an, als ob wir – entschuldigt den Ausdruck – verrückt wären. Es ist wirklich traurig.

Es gibt ein Gleichnis von tiefer Bedeutung, das die Meister manchmal erzählen:
Bei der Verteilung der irdischen Lebensjahre an die verschiedenen Schöpfungsformen waren Gott noch vier Arten übrig geblieben. Eine davon war der Mensch, eine der Esel, die dritte der Hund und die vierte die Eule.

Gott rief den Menschen und sprach: “Siehe, ich sende dich in die Welt.” “Was wird meine Bestimmung sein?” “Du wirst die Krone der ganzen Schöpfung sein und mir am nächsten stehen.” “Für wie lange, Herr?” “Zwanzig bis dreißig Jahre.” “Das ist nicht genug; könnt Ihr mir kein längeres Leben geben?” “Gut, warte, lass uns sehen; wenn bei den anderen noch einige Lebensjahre übrig bleiben, wirst du sie dazu erhalten.”

Dann kam der Esel an die Reihe. Gott sagte: “Ich sende dich in die Welt.” “Was wird mein Schicksal sein?” “Nun, du wirst ständig Lasten hin und her tragen, das ist alles.” “Wie lange?” “Fünfundzwanzig bis dreißig Jahre.” “Das wird mich umbringen – Herr, in eurer Güte, gebt mir weniger!” So gab Er ihm zehn bis zwölf Jahre, und die restlichen Jahre übertrug Er auf den Menschen und sagte: “Sieh, du erhältst etwas dazu.” Dann kam als dritter der Hund an die Reihe. Gott sagte zu ihm: “Nun, ich sende dich in die Welt.” “Herr, welche Aufgabe habe ich dort?” “Du wirst das Haus deines Besitzers bewachen, immer halb schlafend, halb wachend. Du wirst niemanden ins Haus lassen und jeden anbellen.” “Wie lange wird das sein, Herr?” “Zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre.” “O Herr, um Gottes Willen, gebt mir weniger!” So erhielt er etwa zehn Jahre, und der Rest wurde dem Menschen zugesprochen, der so glücklich war, mehr zu erhalten.

Dann ging es um das Schicksal der Eule. “Du wirst in die Welt gesandt.” “Was wird mein Schicksal sein?” “Du wirst bei Tag nicht sehen können, nur bei Nacht; tagsüber wirst du von anderen abhängig sein.” “Für wie lange?” “Nun, zehn bis zwölf Jahre.” “Bei Tag werde ich nichts sehen können? Gebt mir bitte weniger!” “Gut” – und den Rest gab Er dem Menschen dazu.

Nun seht, wie wir uns verhalten. Überlegt einmal in aller Ruhe: Mit etwa zwanzig Jahren sind wir erwachsen, stehen auf eigenen Füßen und gründen eine Familie; wenn dieser Abschnitt vorüber ist, bekommen wir die Krankheit, Dinge anzuhäufen und unser Zuhause zu einem Lagerhaus zu machen, indem wir ständig etwas im Laden kaufen und von einer Ecke in die andere schleppen. Dutzende unnötiger Dinge schaffen wir uns an. Seht, das ist dann die Zeit des Esels, die der Mensch genießt. Dann wird er älter, hat Kinder, die ihm nicht gehorchen, und so gibt er ihnen Schimpfnamen und murrt und knurrt und bewacht das, was er alles angehäuft hat. Das ist die Zeitspanne des Hundes, nicht wahr? Und wenn er schließlich ganz alt geworden ist, kann er nicht mehr richtig sehen und ist von anderen abhängig. Niemand kümmert sich um ihn, er ist den anderen ausgeliefert, und ob sie ihm etwas geben oder nicht, er sagt: “In Ordnung”, denn er ist abhängig. Das ist die Zeit der Eule. So sieht unser Schicksal aus.

Der Mensch ist das Höchste in der ganzen Schöpfung. Wir sollten mehr Liebe entwickeln. Liebt Gott, und alles wird euch dazu gegeben. Wir lieben die Welt. Dort können wir nicht alles erhalten, und von den Dingen, die wir bekommen, können wir kein einziges mitnehmen. Selbst der Körper, den ihr als euren ersten Begleiter mitbringt, kann schließlich nicht mit zurück – wie dann erst die anderen Dinge, die ihr bekommen habt! So sagen die Meister: Nun Brüder, was sollt ihr tun? Verdient euer Geld ehrlich, im Schweiße eures Angesichts, steht auf eigenen Beinen und helft anderen dabei, auf eigenen Beinen zu stehen – auch jenen, die mit euch verbunden sind. Wenn es euch möglich ist, dann teilt mit anderen. Ein Mensch ist, wer mit anderen teilt, wer anderen hilft. Tiere sorgen nur für sich und ihre Familie. Wenn wir uns auch so verhalten, sind wir nicht besser als sie. Ein Heiliger sagt: “Seht das Gesicht der Tiere – Gott schuf es so, dass es nach unten, zur Erde, zeigt. Wenn sie also an die Erde verhaftet sind, ist das in Ordnung. Doch dein Gesicht, o Mensch, ist nach oben gerichtet – sieh nach oben, zu Gott!”

Wenn ihr Liebe zu Gott habt, würdet ihr dann nicht alles für andere geben? Wir beschränken alles starr auf uns selbst, und das führt zu Selbstsucht, Tyrannei und dazu, dass anderen das Blut ausgesaugt wird. Ist es nicht so? Wenn man dann geht, ist man allein. Doch die Eindrücke der Welt begleiten euch, und je nachdem, woran ihr euch gebunden habt, kommt ihr an einen entsprechenden Ort. Seid ihr an die Welt verhaftet, werdet ihr wieder in die Welt kommen müssen. Habt ihr jemandem das Blut ausgesaugt, nun, dann wird er euch im nächsten Leben das Blut aussaugen. Oberflächlich mag es dann so aussehen: „Der tut mir Unrecht, der ist ein Tyrann, der ist grausam“ – doch wer weiß, was davon Rückwirkungen aus der Vergangenheit sind? Versteht ihr? Solche Dinge wirken sich aus; doch auch Gottes Gnade kommt herab, denn der menschliche Körper ist die goldene Gelegenheit, Gott zu erkennen. Und derjenige, dem Gottes Gnade und Barmherzigkeit zukommt, wird mit demjenigen in Verbindung gebracht, der sein inneres Auge öffnen kann, damit er Gott im Innern sehen kann – das Licht, das ihm schon eingeboren ist. Er schüttelt dann alle Umhüllungen ab. Wer das bereits tun konnte, ist glücklich zu nennen. Gebt, gebt und gebt, solange ihr lebt! Ihr werdet nichts dabei verlieren, bedenkt das. Je mehr ihr gebt, desto mehr werdet ihr haben. Je mehr wir alles auf uns selbst beschränken, desto schlechter geht es uns.

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